Josefine Rauch

Josefine Rauch kommt schon lange zu uns ins Labor – inzwischen sind wir nicht nur Kolleg:innen, sondern auch Freund:innen. Bald werden wir einige ihrer Arbeiten hier ausstellen, doch in diesem Gespräch geht es um ihre versierte, sinnliche Fotopraxis, ihren Umgang mit analogen Prozessen und die Momente, in denen ihre Bilder entstehen.



Warum fotografierst du auf Film? Warum ist für dich die analoge Fotografie das richtige Medium, um dokumentarische Geschichten zu erzählen? 



Wegen dem langsameren, aufmerksameren Prozess. Ich befinde mich häufig auf dem Sprung, pendle ohne Routinen und bin insgesamt eher ruhelos. Während eines Gaststudiums in den USA habe ich im Fotolabor angefangen s/w zu entwickeln und dabei gemerkt, wie sehr mich dieser entschleunigte Prozess anspricht. Dort unten in der Dunkelkammer habe ich plötzlich die Zeit vergessen und war trotzdem näher bei der Welt, ohne in diesem Moment aktiv an ihr teilzunehmen.

Heute entwickle ich zwar nicht selbst, aber das Fotografieren mit Film nimmt mir den Druck, den ich beim Digitalen oft hatte: Ich muss den Ablauf nicht unterbrechen, um auf dem Display zu kontrollieren und bin nicht direkt im Ergebnis gefangen. Ich kann mich nur auf die Situation fokussieren, sie wirken lassen und so näher auf die Umgebung und Menschen eingehen. Mich beruhigt es auch, wenn ich limitierter und begrenzter bin.

„Das Analoge lässt mich bewusster und entschiedener sein und hilft mir, mich langfristig mit einem Thema zu verbinden. Es schafft einen Raum der Konzentration und Intuition.”



Mit welchen Kameras oder Formaten arbeitest du am liebsten – und beeinflusst die Technik deine Herangehensweise? 



Das Format prägt die Stimmung und letztlich auch meine Herangehensweise. Für meine freien, Langzeitprojekte setze ich überwiegend Mittelformat ein, weil es mich langsamer und fokussierter sein lässt. Dabei arbeite ich gerne mit der Mamiya RZ, auch wenn sie ein schweres Monster ist. Ihre Größe hat etwas Ernsthaftes, fast Skulpturales, und ich habe das Gefühl, dass sich diese Präsenz auch auf die Porträtierten überträgt. Der Moment wird bewusster wahrgenommen, weniger beiläufig. Gleichzeitig bin ich damit sehr sichtbar, weshalb ich je nach Situation auch kleinere Mittelformatkameras nutze, die mir mehr Beweglichkeit erlauben. Kleinbild setze ich eher für Alltagsszenen ein, es hat für mich mehr den Charakter von Notizen. Schneller, spontaner und weniger verbindlich als das Mittelformat. 

Dein Projekt Temple Road hat viel Aufmerksamkeit bekommen. Wie ist es entstanden und was war dein Ausgangspunkt? 

Temple Road begann mit einer Zufallsbegegnung. Für einen Job musste ich hin und wieder Printmaterialien in einem Gewerbegebiet am Rand von Frankfurt abliefern. Einmal passierte das sonntags und mir fiel sofort auf, wie stark sich der Ort im Vergleich zur Woche veränderte: Menschen, festlich gekleidet, verschwanden hinter unscheinbaren Hallentüren, und die ganze Gegend wirkte plötzlich anders aufgeladen. Meine Neugier war sofort geweckt. Ich bin am nächsten Sonntag wieder hingefahren und habe Stück für Stück diese spirituelle Parallelwelt inmitten der Industriehallen erkundet. In den ersten Monaten war ich dann fast jede Woche dort, sodass es mit der Zeit auch zu meinem persönlichen Sonntagsritual wurde. Der Ausgangspunkt war also letztlich ein Staunen darüber, wie ein funktionaler, fast nüchterner Ort plötzlich etwas Gemeinschaftliches werden kann – und wie sich seine Energie für eine gewisse Zeit komplett verändert. 

Deine Bilder erzählen auch viel über die Materialien der Orte – Vorhänge, Tapeten, Möbel. Was interessiert dich daran? 

Mich interessieren Materialien, weil sie wie stille Zeugen von Orten wirken und etwas über das Leben erzählen, das sich darin abspielt. Ich empfinde diese scheinbar banalen Dinge wie Vorhänge oder Möbel oft als energetisch aufgeladen. Sie tragen Schichten von Zeit, Gewohnheiten und Identität – leise, indirekt, manchmal nur als Spur. Sie transportieren Stimmung ohne klare Erzählung, eher wie ein kleiner Widerhall, der sich nicht sofort entschlüsseln lässt. Genau diese Schwebe zwischen Präsenz und Abwesenheit finde ich spannend. Wenn etwas Alltägliches plötzlich einen emotionalen Abdruck hinterlässt und wie eine Schwelle wirkt, hinter der sich etwas Unbekanntes verbirgt. 

In deinen Projekten werden gewöhnliche Orte zu etwas anderem. Was interessiert dich an solchen Verwandlungen? 

„Es zieht mich immer wieder zu übersehenen Zwischenräumen, zu Orten, die beim genauen Hinschauen mehrere Wirklichkeiten zugleich in sich tragen. Momente, in denen sich Bedeutungen verschieben und alltägliche Räume plötzlich etwas anderes werden. Diese Verwandlungen geschehen oft leise, fast beiläufig – und genau das fasziniert mich.“

Dann entsteht eine kleine Irritation, die ich auch bewusst in meine Bilder einfließen lasse. Mich interessiert auch, wie Menschen diese Umgebung beleben und welche Zugehörigkeit, Einsamkeit oder Sehnsucht sich darin ausdrückt. Darin sehe ich auch eine Reflexion meines eigenen Erlebens, ich erkenne mich selbst immer wieder in solchen Zwischenzuständen. Es ist eine subtile Spannung aus Vertrautem und Fremdem, aus Präsenz und Abwesenheit, die ich versuche einzufangen. 

Dein Blick auf die USA vs. dein Blick auf deutsche Orte – was unterscheidet und was verbindet sie? 

In den USA habe ich zum ersten Mal seriell gearbeitet und gemerkt, wie sehr mich Situationen anziehen, die nicht sofort lesbar sind. Die Weite, die starken Kontraste, das gleichzeitige Gefühl von Präsenz und Leere – hier haben sich viele meiner Fragen erstmals konkretisiert. Wenn ich in Deutschland arbeite, gehe ich mit derselben Haltung an Orte heran. Die Räume sind anders, die Atmosphäre ist oft dichter, aber meine eigentlichen Interessen bleiben gleich. Wahrscheinlich kann ich hier stärker die sozialen und gesellschaftlichen Ebenen einbeziehen, weil ich selbst Teil des Systems bin. Mein Projekt Temple Road etwa erzählt auch von Gentrifizierung, dem Abdrängen kleinerer Communities an den Stadtrand, vom Übersehen- und Unsichtbarsein. Gorndorf, Texas beschäftigt sich mit der Romantisierung des „Wilden Westens“ in den neuen Bundesländern, die ihren Kern in den sozialen Strukturen des DDR-Systems hat. In beiden Ländern bleibt mein Blick jedoch ähnlich: Ich suche nach Übergängen, nach dem Schwebezustand zwischen den Welten, in dem Orte und Menschen eine besondere Energie entwickeln. Mich interessiert das Ambivalente, das Halb-Verborgene, der leise Übergang von Verbundenheit zu Einsamkeit. 

Hast du Rituale oder Gewohnheiten, wenn du unterwegs fotografierst? 

„Ich denke, mein wichtigstes Ritual ist mittlerweile Langsamkeit.”

Ich laufe oder fahre viel herum, schaue genau hin und warte. Dafür muss ich mir auch bewusst Raum schaffen. Oft nähere ich mich einem Ort über längere Phasen hinweg, intuitiv und beobachtend. Mit der Zeit hat sich daraus eine gewisse Art des Unterwegsseins entwickelt: allein, zurückgezogen, ohne Eile. Früher war ich impulsiver und direkter, wenn mich etwas angezogen hat, aber das blieb dann oft an der Oberfläche. Inzwischen entsteht aus einem Gefühl eine Idee in meinem Kopf, der ich gezielter nachgehe und die ich wachsen lasse. Manchmal merke ich schon beim ersten Besuch von einem Ort, dass er etwas in mir auslöst. Dann komme ich zurück und versuche zu verstehen, wie sich dieses Gefühl fotografisch übersetzen lässt. Das Sich-Treiben-Lassen und das gezielte Suchen greifen dabei ineinander, beides gehört zum Prozess. Ich folge einer leisen Idee, die im Hintergrund mitläuft, und versuche dabei offen zu bleiben. 

Wie navigierst du Nähe und Distanz zu den Menschen, die du fotografierst? 

Für mich entsteht der richtige Abstand irgendwo zwischen stillem Beobachten und interessiertem Annähern. Und durch einen gegenseitigen Austausch. Oft beginne ich damit, draußen ins Gespräch zu kommen, bevor sich Türen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – öffnen. Manche Begegnungen ergeben sich ganz natürlich, wie mit einem Protagonisten von Temple Road, der inmitten der Industriehallen wohnt und von vielen Gemeinden „Bürgermeister“ genannt wird. Er hat mich dem Ort und den Menschen nähergebracht und mir den Weg zu einigen Communities geöffnet. Während der Gottesdienste fotografiere ich dort nie, meine Aufmerksamkeit gilt den Momenten davor und danach – wenn etwas nachklingt oder sich erst aufbaut. In diesen Zwischenzeiten entsteht eine Form von Nähe, die nicht aufdringlich ist und die Intimität der Rituale respektiert. So kann ich gleichzeitig präsent und doch unauffällig bleiben. 

„Ich brauche manchmal Zeit, um ein Gefühl für den richtigen Abstand zu entwickeln, und finde ihn nicht immer auf Anhieb. Ich versuche, Nähe nicht zu erzwingen, sondern ihr Raum zu geben, damit sie von selbst entstehen kann.”

So werde ich allmählich Teil des Hintergrunds, bis sich eine Art stilles Einverständnis bildet – ein Moment, in dem Nähe möglich wird, ohne dass sie laut werden muss. Nähe ergibt sich für mich aus Geduld, Timing und Sensibilität. Aber dabei wahre ich trotzdem immer eine gewisse Distanz, das liegt wohl einfach in meiner Natur. In diesem Spannungsfeld zwischen Dazugehören und zugleich ein Stück weit isoliert sein spiegelt sich meine eigene Erfahrung. 

Website: josefinerauch.com
Instagram: @josefine.rauch






Questions by Fenja Cambeis

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